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Kategorie: Online, Menschen
11:57 Uhr Mittwoch, 10. Juni 2009

Von: AM/SB

Wie wir in Zukunft lesen

Webseiten sind auch nur Seiten. Wahrscheinlich wird auf ihnen mehr gelesen und geschrieben als je zuvor. Für manche entsteht dadurch im Internet eine nervtötende Plapperei.

Bild: Tita_Totaltoll/photocase.de

Andere, wie Verleger Klaus Schöffling, denken bei den Begriffen Buch und Internet „ausschließlich an die Zukunft“. Vielleicht, weil die Vorstellung, alles menschliche Wissen an einem Ort verfügbar zu haben, so faszinierend ist. Verschiedene, groß angelegte Buch-Digitalisierungsprojekte gehen in diese Richtung. Vielleicht aber auch, weil im Dauergeplauder des Internets hochwertige Inhalte, wie Verlage sie in Büchern anbieten, immer wichtiger werden. Das Besondere im Netz ist dabei, dass scheinbar alles mit allem zusammenhängt. Leser werden zu Autoren, Autoren zu Lesern und Verlage, Leser und Autoren entdecken den Dialog miteinander und die Möglichkeiten des Buchs neu. Vernetztes Lesen bedeutet Neugier: Neugier auf Perspektiven, auf Geschichten, auf das Gespräch und auf Reaktionen rund um Seiten ― im Buch wie im Internet.

 

Dabei kann Lesen auf Webseiten durchaus anders sein, als in Büchern zu blättern. Durch das Internet, klagt zum Beispiel der US-amerikanische Professor und Autor Nicholas Carr, verkomme das Lesen zur oberflächlichen Informationsaufnahme. Längere Texte würden kaum noch gelesen und überhaupt: Nur auf Papier könnten Buchstaben zur eingehenden Beschäftigung mit einem Thema anregen, konstatiert der Harvard-Professor in seinem Essay Is Google Making Us Stupid? Seltsam, denn gerade Verlage von Sachbüchern und wissenschaftlicher Literatur sind schon länger im Netz erfolgreich und seit einiger Zeit setzen auch Belletristik-Verleger mehr und mehr aufs Internet.

 

Das Mitmach-Web

 

Seit einigen Jahren ist das Netz keine Einbahnstraße mehr. Neben Buchhändlern werden auch Autoren, Verlage und Leser im Netz aktiv. Alle gleichzeitig, gleichberechtigt und mit ihren Fingern auf der Tastatur. Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek veröffentlichte beispielsweise im Mai ihren aktuellen Roman ausschließlich auf ihrer Webseite im Internet und US-Horror-Spezialist Stephen King stellte bereits im Jahr 2000 für seine Fans eine Geschichte zum Herunterladen ins Internet. Einen besonderen Versuch wagte jüngst der Penguin Verlag in Großbritannien. Bei einem Online-Romanprojekt sollte gemeinsam von Internetnutzern ein Roman geschrieben werden. Jeder, der wollte, konnte zum Autor werden und sich daran beteiligen. Ein Erfolg: Seit Anfang des Jahres liegt mit A Million Penguins das Ergebnis des gemeinschaftlichen Romanprojekts vor, das im Internet unter amillionpenguins.com zu begutachten ist. Gedruckt wurde der Internet-Roman indes bis heute nicht.

Auch die deutsche Bestseller-Autorin Tanja Kinkel begeistert sich fürs Internet: Sie tritt im verlagseigenen Web-TV auf und will ab September alle vierzehn Tage ein Kapitel ihres aktuellen Romans Säulen der Ewigkeit (Droemer Knaur) in einer Schreibwerkstatt auf ihrer Webseite veröffentlichen. Schreiblustige Leser sollen dort die bisherige Handlung nach eigenen Vorstellungen weiterführen und so die Geschichte gemeinsam mit der Autorin lebendig werden lassen.
Den Austausch zwischen Autoren und Lesern, aber auch zwischen Lesern selbst anzuregen, steht auch in Buch-Communities im Vordergrund. Buchbegeisterte sollen mit Autoren diskutieren, ihre Lieblingsbücher bewerten, ihr Bücherregal online ausstellen und dadurch gleichgesinnte Leser treffen. Bislang mit mäßigem Erfolg: Traditionelle Buchforen laufen mit einem ähnlichem Prinzip den interaktiven Communities in punkto Nutzeraktivität den Rang ab.
Bei allen neuen Formen des vernetzten Lesens und Schreibens darf nicht vergessen werden, dass vor allem der Online-Versandhandel mit Büchern boomt. Einer Umfrage von TNS Infratest zufolge konnten Online-Händler im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent auf rund 13 Milliarden Euro Umsatz zulegen. Das gedruckte Buch ist auch im Netz ein Verkaufsschlager. Durch die Verfeinerung von On-Demand-Drucktechnologien können Verlage zusätzlich eine Vielzahl von Titeln zeitnah anbieten. Eine Methode, die sich der renommierte Suhrkamp Verlag seit kurzem zusammen mit dem Dienstleister Books on Demand zunutze macht, um vergriffene Titel wieder liefern zu können.

 

Ersetzt Technik das gedruckte Buch?

Neuartige Bildschirme und Darstellungstechnologien lassen derzeit in den Vereinigten Staaten Lesegeräte für elektronische Bücher, sogenannte Ebooks, boomen. Der Amazon Kindle, von den Medien längst als iPod für Bücher betitelt, bietet beispielsweise seinen Besitzern drahtlosen Zugriff auf elektronische Bücher und Zeitungen und ist in den USA zum Verkaufsschlager avanciert. In einem knappen Jahr sollen Schätzungen zufolge rund 240.000 Exemplare des Geräts über den Tresen gegangen sein. Genaue Verkaufszahlen werden von Amazon nicht genannt. Auch in Deutschland sind mehr und mehr digitale Bücher und entsprechende Lesegeräte erhältlich. Ein Grund dafür ist, dass Ebooks zuweilen um einiges günstiger sind als ihre gedruckten Gegenstücke. Gleichzeitig stehen Verlage und Autoren vor der Entscheidung, wie sie ihre elektronischen Bücher vor Urheberrechtsverletzungen und unrechtmäßiger Verbreitung im Netz schützen wollen, wie sie die Musikindustrie Ende der 1990er-Jahre massiv erlebt hat. Einen Vorgeschmack auf kommende Auseinandersetzungen gibt das Bestreben, Bücher und Bibliotheken online verfügbar zu machen. Google musste für sein Buch-Digitalisierungsprojekt Buchsuche große Hindernisse überwinden und auch das Online-Angebot des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Libreka! ist nach groß angelegtem Start auf der Frankfurter Buchmesse 2007 noch nicht richtig in Schwung gekommen.

 

Trends

 

Die Erfahrung aus der Musikbranche zeigt, dass es sich auszahlt, Entwicklungen im Netz als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen. Dasselbe gilt für dem Internet angelehnte Technologien wie Mobilfunk und Computerspiele. In Japan beispielsweise sind derzeit sogenannte Handy-Romane schwer angesagt und werden von Lesern, die auch gerne selbst zu Autoren werden, von Mobiltelefon zu Mobiltelefon verschickt.

Computerspiele verschmelzen filmische, literarische und spielerische Elemente. Damit bieten sie Raum für die Fantasie von Autoren, ihren Lesern große Erlebniswelten zu schaffen und nicht zuletzt dem Geschäftssinn von Verlagen.

 

Das Internet lebt – ganz wie das Buch auch – von Inhalten. Inhalte, die Leser, Autoren und Verlage miteinander vernetzen. Die Bewertung und Auswahl von Inhalten bleibt im Internet genauso wichtig wie eh und jeh. Eine Funktion, die heute teilweise von Suchmaschinen erfüllt wird, durch die man erfährt, wo man was im Internet finden kann. Vernetztes Lesen bedeutet in diesem Zusammenhang, Erzählungen, Informationen und Wissen aus glaubwürdigen Quellen sinnvoll einzuordnen. Das betont auch der Literaturwissenschaftler Dr. Holtkamp im NEWBOOK-Interview. Damit einher geht zwangsläufig eine Renaissance des mündigen Lesers, der seine Quellen hinterfragt und zu bewerten weiß. Gleichzeitig ist die Auswahl und Darstellung von Inhalten eine Aufgabe, der ganz besonders Verlage und Autoren gerecht werden können – im ständigen Dialog mit ihren Lesern.

 

Linkliste:

 

www.amillionpenguins.com

www.lovelybooks.de

www.shelfmates.com

www.quillp.com

www.buechereule.de

www.literatina.de

www.tanja-kinkel.de

www.stephenking.com









 


 


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