
Bild: Pixelio.de
Immerhin scheint diese Ignoranz des Buchs dem Internet gegenüber auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Auch das Buch will im Netz nicht so richtig ankommen, außer es soll über einen Online-Händler neu oder gebraucht verkauft werden. Vielleicht weil das Buch im Gegenteil zum weltweiten Schulhof Internet vom Mythos belesener Kultiviertheit, Intelligenz und Vertrauen umgeben ist.
Seltsam, denn sowohl Bücher als auch das Internet leben von Ideen und Text. Dennoch herrscht Irritation statt Inspiration zwischen den beiden voneinander abgeschotteten Welten. Der Soziologe Niklas Luhmann spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Systeme zwar ihre Umwelt beobachten, die aufgenommenen Einflüsse aber nach ihren eigenen Maßgaben verarbeiten. Umwelteinflüsse können ein System irritieren oder Resonanzen erzeugen - die Folgen davon sind jedoch unvorhersehbar.
Im System Literatur werden die Irritationen durch das Internet augenscheinlich als Bedrohung von grundsätzlichen Werten interpretiert: Autorenschaft, Vorstellungskraft und Muse sind durch die Digitalisierung plötzlich auf dem Prüfstand. Das Internet hingegen scheint von dem ganzen kaum Notiz zu nehmen. Die wenigen Angebote rund ums Buch dümpeln vor sich hin, außer es hat mit Einkaufen zu tun. Auch so kann Irritation verarbeitet werden.
Handel vs. Shop: Lesen oder Kaufen
Buchfreunde blättern demnach entweder im Lesesessel oder klicken sich durch den Online-Buchshop. Das Dilemma einer solchen Entweder Oder Situation beschreibt der dänische Philosoph Sören Kierkegaard damit, dass man jede Entscheidung, egal welche, bereuen wird. Für die Literatur bedeutet das, im fortdauernden Selbstbezug an Aktualität, Kraft und vor allem auch an Lesern zu verlieren, wenn die Digitalisierung weiter als Bedrohung begriffen wird. Auf der anderen Seite wird das Internet ohne die Vorstellungskraft und den Ideen- und Gedankenreichtum schnell als Kommerz- und Klickmedium dahinsiechen. Ohne Ideen, Gedanken und Inhalt keine Frische im digitalen Raum.
Für Menschen gilt im seltensten Fall ein ausschließliches Entweder Oder, sondern meistens ein Sowohl Als Auch. Ein Leser ist kein Buch und ein Internetbenutzer kein Computer, sondern er liest auch gerne ein Buch, genauso wie ein buchaffiner Mensch seine E-Mails abfragt, Wikipedia konsultiert oder sich einfach gerne im Netz von Webseite zu Webseite treiben lässt. Die große Faszination von Literatur und Netz entsteht folglich nicht in der Entscheidung für oder gegen das eine oder andere, sondern in der Leidenschaft der Leser und Benutzer, sprich, der Menschen, die Inhalte erst lebendig werden lassen.
Schreiben vs. bloggen: Schöne Literaturwelt ohne Internet
Sicher, E-Mails, Wikipedia, Chats, soziale Netzwerke und Virenbedrohung bieten an sich genug Stoff für zahlreiche Romane, Thriller und Science Fiction Werke. Zumal das Netz der Schriftkultur eigentlich näher steht als das Fernsehen, denn trotz der Multimedialität des Internet basieren die meisten Webseiten auf Buchstaben, Wörtern und Text. Die Schriftform an sich ist bereits eine Technisierung von Sprache. Das Internet ist also im Vergleich zum Buch nur ein weiterer Schritt von Buchseiten hin zu Webseiten.
Die Literatur des des 20. Jahrhunderts spielte beispielsweise gerne und oft auf andere Bücher an. Romane bezogen andere Romane mit ein und verbinden sich damit zu einem Anspielungsraum, in dem ein Buch plötzlich mit vielen anderen Büchern zusammenhing und sich aus diesen neu zusammensetzte. Ähnliches gilt heute für das WWW: Über Links erlauben Webseiten das schnelle Springen von Internetseite zu Internetseite: Alles hängt im Netz mit allem Zusammen. Mit fast allem, denn Literatur taucht nur sporadisch im Netz auf, in Online-Shops oder in Buch-Communities, in denen über Bücher diskutiert werden, sprich Buchinhalte bleiben im Internet zumeist an ihre Buchform gebunden und entwickeln kein digitales Eigenleben.
Buch vs. Ebook: Der lachende Dritte
Derzeit beschäftigt Leser und Verlage vornehmlich ein Thema: Ebooks und ob sie das gedruckte Buch verdrängen werden. Diese Frage allein zeigt, wie fest sich Buch und Internet als Gegensätze etabliert haben. Völlig außer Acht gelassen wird dabei, dass sowohl Buch als auch Internet in ihrer jeweiligen Form lediglich einen Platz für die Vorstellungskraft von Autoren und Lesern bieten. Insofern kann das Buch gar nicht verschwinden, aber es wird vielleicht zukünftig vermehrt Bücher ohne Buch geben.
Geschichten, die sich einer anderen Technik als dem Buchdruck zur Verbreitung und Vervielfältigung bedienen, aber trotzdem reich an gedanklicher und erzählerische Dichte sind und ihre Leser faszinieren und erfüllen.
Außerdem gibt es noch eine andere Technologie, die bisher noch nicht zur Sprache kam, obwohl sie eng mit dem Internet verzahnt ist: Das Handy. In den Vereinigten Staaten sorgt derzeit ein Fortsetzungsroman fürs mobile Telefon von Horror-Spezialist Steven King für Aufregung und wer weiß:
Vielleicht kommt nach Elke Heidenreich und Lesen! bald eine Download Plattform für Handy-Bücher, die dann auf dem Schulhof getauscht werden. Entscheidend wird auch hier für Leser, Autoren und Verlage der Inhalt, die Geschichte sein. Denn man soll ein Buch schließlich nicht nach seinem Einband bzw. seiner technischen Form beurteilen.
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