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Kategorie: Online
14:40 Uhr Freitag, 07. November 2008

Von: SB

Tucholskys Mythos im Netz

Die Verlinkungen im Internet schlagen manchmal ungewollt hohe Wellen. Ein Gedicht zur Finanzkrise geisterte wochenlang durchs Netz, angeblich bereits 1930 von Kurt Tucholsky verfasst. Doch der Mythos der einstigen Weitsicht des Schriftstellers hat sich nun als Missverständnis herausgestellt.

Bild: pixelio.de

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise ist nicht die erste in der Geschichte. Bereits in den 1930er Jahren wurde die damalige Krise von literarischen Größen in ihren Werken thematisiert. Heute werden hingegen nicht mehr nur die Kommentare der Intellektuellen öffentlich zugänglich gemacht. Jder kann sich jeder von der „Finanzkrisen-Muse“ inspirieren lassen, und seine Ergüsse im Internet publizieren. Das dies zu Verwirrungen führen kann, zeigt der Hoax um ein angebliches Gedicht von Kurt Tucholsky, dem die Ehren eines österreichischen Hobbypoeten nun mehrere Wochen zuteil wurden.

 

Kurt Tucholsky, gestorben 1935 hatte sich in den 1930ern zwar mit dem Thema befasst, jedoch nicht in der jetzt verbreiteten Form. Das kursierende Gedicht zur Finanzkrise stammt ursprünglich von Pannonicus. Dahinter verbirgt sich ein unter Pseudonym schreibenden Hobbyautor, der unter anderem auf der Seite „Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken“ und der rechtskonservativen österreichischen Zeitschrift Zeitbühne regelmäßigveröffentlicht.

 

Wer bloggt, der liest und bloggt und wird gelesen….

 

Mitte Oktober wurde das bis dahin noch von unbekanntem Autor stammende Gedicht in einen Blog gepostet und darunter eines von Kurt Tucholsky gesetzt. Der Irrtum vom genialen Gedicht des bereits verstorbenen Tucholsky verbreitete sich in Windeseile über Blogs und Tageszeitungen im Print und Onlinebereich. Die rasante Verbreitung machte es auch möglich, dass intellektuellen Größen wie Claus Peymann vom Berliner Ensemble das angebliche Finanzkrisen-Stück des Altmeisters Tucholsky zu lesen bekamen.

 

Nicht nur Peymann hatte die Weitsicht und Genialität von Tucholsky keinesfalls in Frage gestellt, obwohl Stil und Wortlaut doch eher auf einen modernen Autor zurückzuführen waren. Er hatte das Gedicht sogar in „gewohnt intellektueller Überlegenheit“, so schreibt es die Süddeutsche Zeitung, an die Wirtschaftsredaktion der SZ geschickt. Im Feuilleton des Blattes war man allerdings besser informiert und nutzte die Gelegenheit zur Aufklärung des seit Wochen im Netz diskutierten literarischen Missverständnisses.

 

Am Beispiel der „Höheren Finanzmathematik“, so der Titel, zeigt sich die rasante Verbreitung im Netz. Schade nur, dass bei all der Aufmerksamkeit um das falsche Tucholsky Gedicht ein echtes Äquivalent von Erich Kästner nur wenig zitiert wurde. Lediglich auf dem Blog von Stefan Niggemeier wurde Kästners „Auf einer kleinen Bank vor einer großen Bank“ erwähnt.









 


 


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