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Kategorie: Dossier
14:18 Uhr Mittwoch, 08. Oktober 2008

Von: S. Schürmanns

Trendschau: Digitales Lesen

NEWBOOK Experte Sebastian Schürmanns entdeckt in Ebook Lesegeräten jede Menge Science Fiction.

Bild: Pixelio.de

<cite>"I spent the afternoon in a bookstore. There were no books in it. None had been printed for nearly half a century. And how I have looked forward to them, after the micro films that made up the library of the Prometheus! No such luck. No longer was it possible to browse among shelves, to weigh volumes in hand, to feel their heft, the promise of ponderous reading. The bookstore resembled, instead, an electronic laboratory. The books were crystals with recorded contents. They can be read the aid of an opton, which was similar to a book but had only one page between the covers. At a touch, successive pages of the text appeared on it...."</cite>

 

Diese Passage stammt aus Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman "Return from the Stars" aus dem Jahr 1961. Zwar steckt die dort angesprochene holographische Speichertechnologie (crystal) auch heute noch im Entwicklungsstadium, doch mit den digitalen Lesegeräten ging es deutlich schneller voran: Nur eine Dekade nach der Veröffentlichung des Buches legte Nick Sheridon (hier ein Interview) am Palo-Alto-Research-Center von Xerox in den 1970er Jahren den Grundstein für das elektronische Papier: Er bastelte eine Art Display mit Mikokapseln, die mehrere winzige Bällchen mit jeweils einer schwarzen und einer weißen Oberfläche enthielten. Durch einen elektrischen Impuls konnten die Bällchen gedreht werden, sodass auf der Oberfläche beliebige Muster bzw. Zeichen entstanden. Damit war das E-Paper zwar geboren, doch zum Erfolg führte ein anderer Weg: In den neunziger Jahren ging das junge Unternemen E-Ink an den Start, das von Joseph Jocobson beraten wurde. Jacobson war vom MIT-Institut und hatte inzwischen sein eigenes E-Paper entwickelt: Im Gegensatz zu Nick Sheridon verwendete er Mikrokapseln, die mit schwarzem Öl gefüllt waren und weiße Pigmentkugeln enthielten. Über den elektronischen Impuls trieb er die weißen Pigmentkugeln an die Kapseloberfläche und erziehlte so den gleichen Effekt eines schwarz-weißen Musters. Die Konkurrenz belebte fortan den Markt: Zur Jahrtausendwende gründete Xerox die Firma Gyricon Media, die gegen den MIT-gestützten Start-Up E-Ink Corp. antrat. Das Rennen machte schließlich E-Ink, Gyricon Media wurde Ende 2005 aus finanziellen Gründen von Xerox geschlossen. Auch weitere Firmen wie Philips oder Siemens, die z.T. mit anderen Technologien experimentierten, spielen bei der E-Paper-Herstellung zur Zeit keine Rolle, E-Ink nimmt mehr oder weniger eine Monopolstellung ein.

Für den Durchbruch auf dem Verbrauchermarkt fehlte allerdings noch ein Lesegerät. Nach einigen gescheiterten Versuchen in früheren Jahren hat Amazon mit seinem E-Ink-basierten Kindle Ende 2007 einen entscheidenden Impuls ausgesendet. Auch wenn das Gerät meist als hässlich empfunden wird, so konnte Amazon bislang auf dem amerikanischen Markt recht große Erfolge feiern und bis zum August angeblich 240.000 Geräte verkaufen. Parallel zur Buchmesse soll das Gerät auch in Europa auf den Markt kommen, mit einer möglicherweise verschönerten Neuauflage ist frühestens im nächsten Jahr zu rechnen.

Neben Amazon bedient sich auch der japanische Konzern Sony der E-Ink-Technologie. Mit seinem E-Book-Reader will der Konzern voraussichtlich im Frühjahr den deutschen Markt erobern, und mit dem günstigeren Preis (299,- Dollar) sollte das Gerät auf jeden Fall eine Chance gegen den Kindle haben (349,- Dollar).

Auch in Europa gibt es Anbieter, vor allem in den Niederlanden. Der dortige Konzern Philips hatte zu Beginn des Jahrtausends eine Kooperation mit E-Ink geschlossen, sich später jedoch wieder aus dem Projekt zurückgezogen. Als Spin-Off ist daraus das Unternehmen iRex-Technologies entstanden, das mit dem E-Reader iLiad auf dem Markt vertreten ist und vor wenigen Wochen ein neues Modell vorgestellt hat: Den iRex Reader 1000. Mit seinem großflächigen Display (10.2 inch und 1,20 cm flach) will sich der Reader als Business-Modell positionieren, ein Grund liegt vielleicht auch darin, dass man schon für die einfachste Version mit 499,- Euro deutlich mehr hinlegen muss, als für die Konkurrenzmodelle aus Japan und den USA. Im mittleren Preissegment (350,- Euro) bewegt sich dagegen das Cybook vom französischen Unternehmen Bookeen. Eine Rolle auf dem europäischen Markt könnte auch das chinesische Unternehmen Tianjin Jinke Electronics Co. Ltd mit dem Reader Hanlin V3 spielen, der in Europa mit diversen Rebrands in Russland, der Türkei, Spanien und den Niederlanden (Bebook) präsent ist.

Der Durchbruch des Readers im Taschenbuchformat dürfte als vor der Tür stehen. Doch inzwischen zeichnen sich noch weitere Anwendungsgebiete für eine neue Generation von flexiblen Displays und Endgeräten ab: Das niederländische Unternehmen Polymer Visions hat dieses Jahr den Readius vorgestellt, einen kleinen Pocket-Reader mit einem aufklappbaren Display, der ebenfalls im Herbst auf den Markt kommen soll. Mit einem flexiblen E-Ink-Cover hat vor einigen Wochen das Magazin Esquire für reichlich Furore gesorgt. Dagegen setzt Epson ganz auf flexible Größe: Nach einem hauchdünnen 7,1 inch E-Papier im Jahr 2006 hat das Unternehmen Mitte des Jahres ein neues E-Paper im A4-Format vorgestellt, und auch diese Papiere basieren auf der E-Ink-Technologie. Den Schritt zu einer kommerziellen Anwendung des großen und flexiblen Formats hat schließlich das kalifornische Unternehmen Plastic Logic vor einigen Tagen angekündigt. Hierzulande ist die Nachricht besonders wohlwollend aufgenommen worden, da sich die Kalifornier für einen Produktionsstandort in der Nähe von Dresden entschieden haben. Im nächsten Jahr soll der A4-nahe Reader, der vor allem für Zeitungen und Business-Materialien gedacht ist, marktreif sein.

Passend zur Ankündigung von Plastic Logic hat der Chef von E-Ink in einem Interview durchblicken lassen, dass er für die nächsten Monate mit dem Start weiterer großformatiger Endgeräte rechne. Das macht Sinn, denn in vielen Ländern gab es in letzter Zeit Testläufe für elektronische Newspaper-Ausgaben, für die sich das Kindle-Format weniger eignet. Beispiele sind die France Telekom mit dem Read & Go, die Telekom-Tochter T-Lab, oder der Guardian, der einen eigenen Reader für 2015 angekündigt hat.

Ein weiteres Spielfeld des großen Formats ist der öffentliche E-Paper-Aushang, mit dem die Unternehmen Hitachi und der Reifenhersteller Bridgestone schon seit 2006 in Tokios Bahn- und U-Bahn-Stationen experimentieren. Vor einigen Wochen hat Bridgestone einen weiteren Aushang installiert, bei dem eine lokale Zeitung den Content liefert. Bridgestone verwendet u.a. ein vollfarbiges E-Paper, das derzeit in der Herstellung noch zu teuer ist und in einer kommerzialisierten Form für Endverbraucher wohl erst in ein paar Jahren auf den Markt kommen wird. Bis dahin dürften die Endgeräte ohnehin billiger, die Displays standardmäßig flexibel und auch die Haptik dem Holz-Papier näher gekommen sein.

Stanislaw Lem hatte seinen Protagonisten 127 Jahre in die Zukunft geschickt, die Story spielt also gegen Ende unseres Jahrhunderts. Man kann vermuten, dass die Gegenwart die Science-Fiction in diesem Fall einholen wird. Dass das Buch in konventioneller Papierform jedoch ebenso schnell aus den Regalen verschwindet, wie seinerzeit die LP, ist dennoch nicht zu erwarten: Die CD war bei gleicher Leistung wesentlich handlicher und es entstanden grundsätzlich keine zusätzlichen Anschaffungskosten (CD-Player vs. Plattenspieler). Dagegen ist der E-Reader im Vergleich zum Buch erst einmal nur ein teures Ausgabegerät, dass sich wohl nur bei den Viel-Lesern amortisieren wird. Für die große Mehrheit der Gelegenheitskäufer dürfte sich die Anschaffung auf absehbare Zeit kaum lohnen. Ein zweiter Punkt betrifft die Langzeitspeicherung von Daten/Büchern durch die Weiterentwicklung der Technik, die Bibliotheken ohnehin schon zu schaffen macht und auf mechanische Speichertechnologien zurückgreifen lässt. Und schließlich sind die Geräte für ein Massenpublikum teilweise noch nicht reif: Einige sind formatabhängig, anderen fehlt sogar eine einfache Such-Funktion, bei wieder anderen schreckt schlicht die Optik ab. Vermutlich werden in absehbarer Zukunft noch ansprechendere Geräte mit Color-Displays und Schreibfunktion per Touch-Screen auf den Markt kommen, doch zumindest das Nutzen-Kosten-Problem werden auch diese Geräte kaum lösen.

Gehen wir also erst einmal davon aus, dass das klassische Buch so bald nicht aus den Regalen verschwinden wird, sondern nur einen neuen Konkurrenten bekommt. Größere Chancen dürften die auf die Business-Welt ausgerichteten Modelle wie von Plastic-Logic oder iRex haben, denn hier ist der Ort, wo der Durchschnittsbürger am meisten liest und am wenigsten am Buchmedium hängt. Doch so richtig mag man auch hier nicht daran glauben, dass die Reader schaffen, was selbst das Internet nicht vermochte: Eine Senkung des Papierverbrauchs oder gar das papierlose Büro.

 










 


 


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