
Bild: dwdm/photocase.de
Herr Holtkamp als Dozent für amerikanische Gegenwartsliteratur forschen Sie am literarischen Puls der Zeit. Wie sieht es mit der Technik aus: Lesen Sie noch Bücher, oder sind sie schon auf Ebooks umgestiegen?
Ich lese nach wie vor Bücher, aber ich bin bereit für das E-Book. Auf meiner letzten Reise in die USA saß jemand neben mir, der während des gesamten Fluges nach San Fransisco in seinem E-Book gelesen hat. Natürlich haben wir uns über das Kindle von Amazon und Sony’s Portable Reader unterhalten. Er hatte das Sony Modell dabei und fand es für das Lesen von Literatur sehr geeignet. Einen Internetzugang wie beim Kindle hielt er für seine Ansprüche nicht für notwendig. Aber wie auch immer: dem Buchmarkt stehen mit Sicherheit Veränderungen durch das E-Book bevor. In den USA habe ich unterwegs viele Leser von E-Books gesehen, und mir scheint, der Buchmarkt beginnt sich darauf einzustellen. Das bedeutet nicht, dass die Aura des Buches verschwinden wird. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang der Beitrag von Hubert Spiegel „Das Buch, das aus dem Äther kam“ (FAZ 29. August 2008).
Recherchieren Ihre Studenten heute noch in der Bibliothek oder wird für Hausarbeiten und Referate nach dem Copy- and- Paste Prinzip verfahren?
An der Universität gilt für die wissenschaftliche Arbeit weiterhin die Arbeit in der Bibliothek, was den Umgang mit elektronischen Medien durchaus einschließt. In unserem Fach werden die Bestimmungen der Modern Language Association (MLA) zugrunde gelegt, und das von ersten Grundkurs an. Das Copy- and- Paste Prinzip ist natürlich nicht unbekannt. Um dem entgegenzuwirken, informieren wir Studierende über wissenschaftliches Fehlverhalten und weisen sie in unseren Lehrveranstaltungen auf die Plagiatregelung am Institut hin. Außerdem kann man als Dozent Plagiaten wirksam entgehen, indem die Fragestellungen spezifisch angelegt sind und nicht allgemein.
Plaudert es sich im Netz, beispielsweise in Foren, leichter über Literatur als im Seminarraum?
Grundsätzlich gilt, dass eine schriftliche Äußerung, zumal im Kontext eines Online-Seminars, sehr durchdacht formuliert sein sollte. Im virtuellen Seminarraum, insbesondere beim Chat, sind Fragen und Antworten sehr konkret. Letztlich stehen sie genauso fest wie bei einer Hausarbeit. Dagegen wird im Seminarraum spontaner formuliert, mitunter nachgebessert und präzisiert. Ich habe den Eindruck, dass die Arbeit im Netz durchaus keine Plauderei ist, sondern eine sehr konzentrierte Arbeitshaltung erfordert. Bei Studierenden und Lehrenden.
Hyperfiktion ist eines ihrer Fachgebiete. Wie beurteilen Sie die neue Literaturform persönlich?
Seit die digitale Revolution Anfang der 1990er Jahre das Buch und die Literatur erreicht hat, wird das Verhältnis von Wort und Computer immer wieder diskutiert. Dabei ist die Euphorie der frühen Jahre einer Ernüchterung gewichen. Einer der engagiertesten Vertreter in dieser Positionsbestimmung ist der amerikanische Schriftsteller Robert Coover, den ich an der Brown University kennengelernt habe. Er betont, dass die Hyperfiktion Wort und Bild heute mehr und mehr verbindet, was zu ständig neuen Anwendungsmöglichkeiten führt. Autoren von Hyperfiktion werden also zu Designern. Hinzu kommen die ständig wachsenden technischen Möglichkeiten, die eigentlich mehr den elektronischen Spielen dienen. Insofern stimme ich Coover zu, der nach dem „Goldenen Zeitalter“ der Hyperfiktion nun das „Silberne“ sieht, in dem radikale textuelle Gestaltungsvisionen von Autoren und Lesern zurückgenommen werden und eine Diffusion und Popularisierung erfolgt, die die Aktivität des Lesers eingeschränkt.
Kann die Hyperfiktion mehr als das klassische Buch aus der Vergangenheit leisten? Sind beispielsweise bestimmte Erzählformen wie z.B. das nonlineare Erzählen ihrer Meinung nach nur im Internet möglich?
Im letzten Sommersemester habe ich Coovers Short Story „The Magic Poker“ unterrichtet. Die Studierenden waren verwirrt, wie ein und dasselbe Geschehen von unterschiedlichen Erzählern in unterschiedlicher Reihenfolge nebeneinander stehen kann. Andererseits war für mich überraschend, dass Studierende im Grundstudium Schwierigkeiten beim Umgang mit Nonlinearität haben. Eigentlich sind sie aufgrund der Beherrschung vieler technischer Dinge besser als jede Generation zuvor darauf vorbereitet, unterschiedliche Tätigkeiten nebeneinander zu erledigen. Diese Generation lebt mit und im Internet. Aber mitunter traut sie dem klassischen Buch nicht die gleiche Spontaneität, Energie und Verwegenheit zu, die sie aus dem Internet kennt und die insbesondere die postmodernistische Literatur ausstrahlt.
Werden Sie in 10 Jahren nicht mehr amerikanische Literatur, sondern amerikanische Webseiten unterrichten?
Eigentlich mache ich heute schon beides. Webseiten spielen besonders in meinen Online-Seminaren eine große Rolle. Dabei haben die Kursteilnehmer unter anderem die Aufgabe, Webseiten auszuwerten. Die Herausforderungen des Übergangs von der Informations- zur Wissensgesellschaft zeigen sich hier besonders gut. Was nützt die Information oder das Wissen darüber, wo ich relevante Aussagen zu einem Thema finde, wenn ich diese nicht einordnen und kommentieren kann? Insofern erfordert der Umgang mit Wissen im Netz aus meiner Sicht das Erlernen und Anwenden sorgfältiger Verfahren, die eine neue Art von Kulturtechniken darstellen. Darauf sind Studierende aber wenig vorbereitet. Erfahrungen aus meinen Online-Seminaren zeigen auf studentischer Seite erhebliche Defizite bei der Auswertung von Informationen. Als Lehrende werden wir noch stärker vermitteln müssen, wie aus Informationen Wissen wird.
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