
Quelle: Pixelio.de
Der Soziologe Niklas Luhmann musste sich für seine Gesellschaftstheorie einen ausführlichen Zettelkasten anlegen. Heute stört dabei das Tastaturgeklapper aus dem Nebenbüro. Was Luhmanns Zettelkasten im Kleinen für den Theoretiker war. sind heute Google, Wikipedia und YouTube im großen Maßstab. Entsprechend lautet eine Hauptkritik an der Luhmanschen Theorie sie sei eine Aneinanderreihung von Begriffen aus dem Zettelkasten. Ähnliches gilt für das Internet: Die Informationsvielfalt mache dumm und faul, das strukturierte Nachdenken komme bei der Masse an Klicks und Content einfach zu kurz. Das zumindest moniert der US-amerikanische Autor Nicolas Carr.
Eine Steilvorlage für den Spiegel. „Macht das Internet Doof“ titelt das Nachrichtenmagazin in seiner aktuellen Ausgabe und liefert eine Zusammenfassung von gut abgehangener Internetkritik: Kopieren und Einfügen als Problem an Schulen und Universitäten, Abzocke von unbedarften Nutzern im Internet, Powerpointisierung von komplizierten Fragestellungen und nicht zuletzt ein Aufmerksamkeitsdefizit durch ständiges Chatten, E-Mail-Schreiben und Surfen.
Kulturpessimistisches Mash-Up
Macht das Internet also doof? Die Antwort bleiben sowohl Nicolas Carr als auch der Spiegel schuldig. Dennoch scheint die Frage einen empfindlichen Nerv zu treffen: Blogs quellen über mit Kommentaren, Zeitungen und Fernsehsender setzen sich mit dem Thema auseinander. Dabei wird das traditionelle Buch überraschend betüttelt. Fast könnte man denken, dass zwischen zwei Buchdeckeln ausnahmslos ein unerschöpflicher Quell von Qualität und Inspiration vorhanden sei. Dabei verzeichnen gerade Verlage von Sachbüchern und wissenschaftlicher Literatur seit einigen Jahren große Erfolge im Netz und auch Belletristik-Verleger setzen mehr und mehr aufs Internet.
Der Medienpsychologe Jo Groebel widerspricht entsprechend der These, das Netz mache dumm und betont der Süddeutschen Zeitung gegenüber, dass durch die digitale Zeit die verbale und visuelle Intelligenz zunehme.
Das Netz verblödet uns also nicht, aber angesichts der rasanten Verbreitung des Mediums kratzt es mehr und mehr an lieb gewonnen Attributen, mit denen man sich als scheinbar Nicht-Doofer schmücken konnte: Recherche in der Bibliothek, das gemütliche Rascheln der Tageszeitung und musevolle Kontemplation. Im Netz ist plötzlich alles gleichzeitig möglich, bei fließenden Übergängen: Recherche, Netzwerken, Kontakte knüpfen, Informationen sammeln, verknüpfen, bewerten und veröffentlichen.
Neues für den Schreibtisch
Kommunikationsmedien zeigen nach Luhmann eine starke Verknüpfung mit dem gesellschaftlichen Strukturierungsprinzip. Ein Medium allein verändert jedoch nicht die Struktur von Kommunikation, es fordert sie heraus. Wem das Internet also zuviel Veränderung auf den Schreibtisch bringt, der wird es kritisieren. Nicolas Carr selbst führt selbstkritisch Sokrates an, der sich von der Entwicklung der Schriftkultur besorgt zeige, da er Wissen nur im Dialog gegeben sah. Dafür beklagt der Spiegel im Untertitel „Vernetzt, Verquatscht, Verloren“ die negativen Folgen und scheinbare Beliebigkeit des Internet.
Nicht nur das Hamburger Nachrichtenmagazin sondern auch Carrs Essay Is Google Making Us Stupid, der jüngst im US-Magazin Atlantic Monthly erschien zeigt kulturpessimistische Züge: Die Ruhe und Abgeschiedenheit, sich Zeit für einen längeren Text zu nehmen vermisst der Autor und moniert eine Verflachung des Denkens.
Zeit für die Gegenfrage: Macht Kulturpessimismus uns doof? Darauf zumindest hat der Luhmansche Zettelkasten eine Antwort parat. Die Gesellschaft koevoluiert mit ihren Verbreitungsmedien. Und Evolution dauert eben auch manchmal etwas länger.
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