
Bild: pixelio.de
Herr Moorstedt, wie viel Wahlkampf im Netz verträgt denn Deutschland?
Naja, man kann sich eben nicht darauf verlassen. Die User sind ein schwer durchschaubares Völkchen, das sehr viel weniger Loyalität zu seinen Plattformen hat, als man es auch früheren Bereichen in der realen Welt vielleicht erwarten könnte. Beispielsweise, dass man bei einer bestimmten Automarke bleibt. Man geht als User eben immer dort hin, wo man seine Bedürfnisse am besten abgedeckt glaubt. Und deswegen kann man sich auf die User an sich nicht verlassen. Sie kommen, wenn man das richtige Produkt zur richtigen Zeit bietet. Deswegen funktioniert es auch nicht, wenn jetzt viele deutsche Politiker von den amerikanischen Onlineberatern, Programmierern und Strategen in Washington Tipps für einen eigenen Onlinewahlkampf und Webseitenkonzepte haben wollen. Denn ein solcher Erfolg ist nicht einfach wiederholbar, bloß weil man mit dem gleichen Werkzeug arbeitet! Es hängt immer an den Menschen dahinter, ob es wirklich funktioniert, und die kann man nicht steuern. In den USA hatte sich zudem in den letzten zehn Jahren eine politische Websphäre um verschiedene Blogs oder die Organisation moveon.org herum entwickelt. Dort waren bereits schon viele Millionen Leute organisiert, die man sozusagen einfach anzapfen konnte. So etwas fehlt bei uns noch. Wir haben zwar einige Blogs, aber die haben einfach noch nicht so eine weite Strahlkraft wie in den USA. Ich bin aber zuversichtlich, dass es vielleicht nicht unbedingt schon 2009, aber vielleicht dann 2013 ein deutsches Modell eines Onlinewahlkampfes geben könnte.
Aber angesichts der Sperrung von Wikipedia durch einen Bundestagsabgeordneten von der Linken: Wie viel Netzdemokratie verträgt Deutschland überhaupt?
Das ist es ja genau. Ich denke, es war ein Riesenfehler von dem Abgeordneten, die Seite sperren zu lassen, weil er damit genau das verursacht hat, was man nicht sollte: Er hat die Freiheit der Leute im Netz beschnitten, und so versucht zu kontrollieren. Es ist natürlich ironisch, dass es dabei auch noch genau um Stasi-Vorwürfe ging. Das passt den Leuten natürlich überhaupt nicht. Aber es gibt zum Beispiel die Seite meinespd.de, eigentlich genau das, was bei Obamas Seite aufgeführt wurde. Sie ist nur nicht so gut gemacht und mit weniger, bzw. fast gar keinen Menschen ausgestattet. Als Kurt Beck noch Parteivorsitzender war gab es eine Reihe von Diskussionen auf der Seite, die dann aber einfach verschwunden sind. Die Beschneidung der demonstrativ gelebten Offenheit im Netz kommt einfach überhaupt nicht gut an. Man ist hier noch sehr in einem alten Medienregime verhaftet, das sich auf Kontrolle aufbaut. Und das geht im Netz einfach nicht.
Wäre es ihrer Meinung nach möglich in Deutschland Gesetzesvorschläge im Internet zur Kommentierung zu stellen? Der designierte US-Präsidenten Obama hat dies bereits für seine Amtszeit angekündigt.
Mit Sicherheit. Aber es ist doch so: Die ganze Welt schaut gerade in die USA und beobachtet, wie das so funktioniert. Ich glaube, man kann sich das wie ein Labor vorstellen, wo derzeit Werkzeuge der politischen Kommunikation neu erfunden werden. Daher glaube ich, dass es theoretisch hier auch möglich wäre. Aber wir sollten gespannt abwarten was passiert, und die Leute machen lassen. Wir dürfen uns 2009 bloß nicht wieder über Deutschland aufregen, warum wir das nicht so gut hinbekommen haben, wie die Amis. Wir sollten gespannt und optimistisch beobachten, und nicht gleich kopflos versuchen, alles zu wiederholen.
Ist für Sie ein Element wie beispielsweise der Podcast von Frau Merkel aus dem Kanzleramt schon Politik 2.0?
Nein, denn soweit ich weiß kann man den Podcast dort weder kommentieren, noch verschicken oder verlinken. Das bedeutet, dass es keine Elemente des Web2.0, also der Mitmachmentalität, enthält. Da werden auf neuen Medien alte Formate wiederholt. Daher macht es für mich in der Sicht egal, ob Frau Merkel nun in eine etwas billigere Kamera spricht, und ich es nicht im Fernsehen, sondern im Netz ansehen kann. Da besteht für mich kein Unterschied zu anderen Ansprachen oder Sendungen.
Sie sind Journalist und schreiben sowohl in den Neuen, als auch ab und an in den alten Medien. Wie sehen Sie die Zukunft sowohl von Print- als auch von Onlinemedien?
Wenn ich das wüsste, würde ich jetzt kein Interview machen, sondern in einem großen Büro in einem Wolkenkratzer in New York sitzen und wahnsinnig viel Geld verdienen. Die „Old Media“ müssen in jedem Fall aufhören, die Onlinemedien als Antagonisten zu betrachten. Ich glaube, dass es eher zu mehr als zu weniger Medienkonsum führen wird. Es gibt bereits schon ganz tolle Onlineangebote, beispielsweise von der New York Times oder anderen großen Tageszeitungen, wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Ideen sind da, und sie werden auch genutzt. Das einzige was fehlt, ist ein Geschäftsmodell. Es sieht momentan so aus, als würde der rein anzeigenfinanzierte Journalismus langsam zu seinem Ende kommen. Nur leider kennt noch keiner das neue Geschäftsmodell oder weiß zumindest, wie es einmal aussehen soll. Das ist eine schwierige Zeit.
Passt für Sie Internet und Buch zusammen?
Also für mich ist das kein Widerspruch. Ich sitze zwar gerne zu Hause und lese. Ich mag dieses haptische Gefühl des Buches. Aber dennoch finde ich Angebote, wie beispielsweise die Google Book Search ganz großartig, weil es gerade für mich als Journalist die Quellenarbeit auf Reisen unglaublich erleichtert. Wenn ich eigentlich z.B. 50 Bücher mitnehmen müsste, ist ein Gerät wie der Kindle von Amazon bereits eine unglaubliche Erleichterung.
Aber die Probleme mit dem Geschäftsmodell und den Rechten müssten noch einvernehmlich geklärt werden. Vielleicht muss auch bei den Usern ein Sinneswandel eintreten, dass man sich von der Vorstellung löst, im Internet sind alle Inhalte immer kostenlos zu haben. Vielleicht muss es dafür mal zu einer fundamentalen Krise kommen, in der es einfach keine Inhalte mehr gibt. Das hoffe ich jedoch nicht. Der Lerneffekt muss irgendwann einsetzen. Aber vielleicht stehen wir da bereits am Anfang.
Herr Moorstedt, vielen Dank für das Gespräch.
Tobias Moorstedt arbeitet als freier Journalist unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Neon" und das Bayerische Fernsehen. Für sein Buch „Jeffersons Erben“ reiste er während des US-amerikanischen Wahlkampfes zwei Monate durch das Land und besuchte Programmierer, Aktivisten und Politikstrategen.
„Jeffersons Erben“ – Wie digitale Medien die Politik verändern ist bei Suhrkamp erschienen.
http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=12571&hl=Tobias%20Moorstedt
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