
Bild: pixelio.de
NEWBOOK: Herr Moorstedt, würden Sie das Web2.0 wie eine Kommunikationsblase beschreiben?
Tobias Moorstedt: Also wenn man Sie als Kommunikationsblase bezeichnet, dann würde es bedeuten, dass die Menschen heute mehr kommunizieren, als Sie das in Zukunft tun würden, was ich bezweifle. Ich denke, dass man über das Web 2.0 neue Kanäle bekommen hat, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, Situationen zu teilen, sich zu verabreden etc. Wenn der Konsument mal ein bestimmtes Produkt entdeckt hat, und sich damit auseinandersetzt, wird er auch nicht mehr darauf verzichten wollen. Ich denke der Mensch funktioniert dann doch anders, als sich das unsere Ökonomie manchmal so vorstellt, also Hype – Crash – Hype – Crash usw. Ich denke, dass die Menschen nicht aufhören werden, Social Networks, Blogs, oder Twitter zu benutzen. Denn die befriedigen ganz grundlegende menschliche Bedürfnisse.
Glauben Sie, dass Politik für die Identitätsbildung in sozialen Netzwerken auch eine Rolle spielen könnte? In den USA tut sie das bis zu einem gewissen Punkt bereits.
Man schreibt ja wirklich persönliches auf Facebook. In Deutschland zumindest gibt es allerdings eine gewisse Hemmschwelle, sich politisch zu bekennen, weil beispielsweise das politische Wahlgeheimnis sehr hoch geschätzt wird. Man sagt immer, es ist Privatsache, wobei man ja allerdings weiß, dass alles private auch gleich politisch ist. In den USA ist das jedoch ganz anders. Es gibt den so genannten Lagerwahlkampf, den wir alle jetzt erst vor kurzem miterlebt haben. Dort sagt man öffentlich zu wem man sich bekennt und versucht mit den Leuten aus dem eigenen Lager in Kontakt zu treten. Dort ist es jedoch auch definitiv mehr „Pop“, d.h. mit Merchandising, Plakaten im Vorgarten und Frühstückstassen von der politischen Einstellung verbunden. Daher ist es dort auch nur ein logischer Schritt, das alles in die Virtualität zu übertragen und nicht mehr nur mit dem Aufkleber am Auto herumzufahren. Aber die Mentalität zwischen Amerikanern und Deutschen ist wirklich noch eine andere. Man sollte abwarten, wie sich das im deutschen Wahljahr 2009 vielleicht schon verändern wird.
Läuft politisches Engagement im Netz aber nicht Gefahr, ein umfangreiches Überwachungs-Web für Direktmarketing zu werden?
Der Mensch ist ja schon dabei, sich selbst zum gläsernen Bürger zu machen und Kreditkartenfirmen sammeln fleißig Daten. Es gibt hierzulande einige Gesetze, die verhindern sollen bestimmte Datensätze so zu integrieren, dass von der politischen Einstellung, Kaufverhalten bis hin zur Lebenssituation alles perfekt durchschaut werden kann. Die Auswirkungen und Möglichkeiten hat man ja bereits in diesem Wahlkampf gesehen, denn in den USA sind solche Gesetze wesentlich laxer. Man registriert sich mit seiner Mailadresse als Wähler. Die Daten kommen in eine gemeinsame Datenbank, die allen aus Branche zur Verfügung steht.
Als ich in Washington war habe ich mit verschiedenen Beratern und Strategen gesprochen. Dort habe ich erfahren, dass sie zu Kreditkartenfirmen gehen und sich für einige hunderttausend Dollar die Datensätze der registrierten Bürger quasi kaufen. Und dadurch erfährt man wahnsinnig viel! Ein Berater hat mir gesagt, wenn ich weiß, welche Magazine sie lesen, welchen Whiskey sie trinken und beispielsweise welches Auto sie fahren, weiß ich wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie entweder Obama oder McCain wählen und weiß auch, welche Botschaft ich ihnen schicken muss. Wenn jemand beispielsweise im Gesundheitswesen tätig ist, dann schickt man ihm Informationen über die geplante Gesundheitspolitik etc.
Nicht nur werden die Möglichkeiten, die Menschen besser kennen zu lernen immer größer, sondern auch durch Direktmarketing immer gezielter Botschaften zu verschicken. Wenn man die Emailadresse von jemandem weiß, oder am besten noch die IP –Adresse zur Verfügung hat, dann kann man ihm, wenn er meine Webseite ansteuert, ganz bestimmte Botschaften anzeigen. Das ist allerdings ein großes Problem, nicht nur wegen der Privatsphäre, in der dann jeder technisch eine individualisierte Botschaft übermittelt bekommen könnte. Maßgeschneiderte Botschaften sind in der Hinsicht zwar nichts Neues, weil Politiker schon immer vor unterschiedlichen Gruppen verschieden aufgetreten sind. Aber was nun definitiv verloren geht, ist die geteilte Erfahrung, die ja eine Säule der Demokratie darstellen sollte. Früher hatte man nur relativ grobe Daten über Alter, Wohnort, Beruf etc. und jetzt hat man viel mehr, denn aus der Demografie von früher wird eine Psychografie.
Was kann den die Politik aus der Digitalisierung anderer Gesellschaftsbereiche eigentlich lernen?
Da reicht eigentlich jede Community, die sich um eine bestimmte Marke herum gebildet hat. Teilweise organisieren sich solche Netzwerke ganz selbstständig, beispielsweise um den BMW Mini. Dort hat sich eine Gruppe von Leuten versammelt, die alle das Auto toll finden und sich das gegenseitig vergewissern. Das Wichtige dabei ist, dass man nicht versuchen sollte, die Community zu lenken, oder zu kontrollieren. Auch wenn sich die Teilnehmer kritisch äußern sollten. Die Angst, dass man die Botschaft nicht mehr wie in Anzeigen oder TV Spots kontrollieren kann, müsste abgelegt werden, denn sie funktioniert hier nicht.
Man muss die Energie, die in einer Community steckt, anders und vor allem die Offenheit des Web nutzen. Das hat Obama wirklich gut gemacht. In seiner Social Community mybarackobama.com hat er den Leuten das Werkzeug an die Hand gegeben, und sie einfach autonom machen lassen. Die Möglichkeiten waren vielfältig. Man konnte sich nicht einfach nur vernetzen, sondern beispielsweise auch Spendenpartys organisieren. Da wurde so viel Arbeit geleistet, die man kaum quantifizieren kann. Es ist aber eben auch ein gewisses Risiko dabei, weil man nie wissen kann, wie sich die Leute verhalten.
Obama hat angekündigt, seine Gesetzesvorschläge zu Kommentierung ins Netz zu stellen. Gibt das nicht die Möglichkeit, die öffentliche Meinung im Netz durch die verstärkte Präsenz einzelner Gruppen im Netz zu verzerren? Es sind nun mal nicht alle im Internet unterwegs?
Das ist natürlich eine Möglichkeit. Aber je mehr Leute sich im Netz bewegen, desto schneller schwindet auch der Einfluss einzelner engagierter Gruppen. Ich persönlich finde die Idee der Kommentierung neuer Gesetzesvorschläge unglaublich gut, da sie viel mehr Möglichkeiten als Nachteile bringt. Der Input ist sehr viel größer. Natürlich wird der Großteil der Einsendungen nicht wirklich Produktives sein, aber die Möglichkeit besteht, dass sich beispielsweise bei Umweltpolitik ein Universitätsprofessor des MIT einschaltet, und die Regierung auf Aspekte aufmerksam macht, die der Beraterstab möglicherweise nicht bedacht hat. Wenn das die anderen auf der Seite lesen und sich dafür aussprechen, dann müsste die Politik darauf reagieren. Ich bin sehr gespannt, ob Obama nach seinem Internetwahlkampf auch eine Internetpräsidentschaft führt.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, wie Tobias Moorstedt die Auswirkungen auf die deutsche Politlandschaft einschätzt.
Tobias Moorstedt arbeitet als freier Journalist unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Neon" und das Bayerische Fernsehen. Für sein Buch „Jeffersons Erben“ reiste er während des US-amerikanischen Wahlkampfes zwei Monate durch das Land und besuchte Programmierer, Aktivisten und Politikstrategen.
„Jeffersons Erben“ – Wie digitale Medien die Politik verändern ist im Suhrkamp Verlag erschienen.
http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=12571&hl=Tobias%20Moorstedt
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