
Bild: life_is_life/photocase.de
Mit der Arbeit mehrerer Autoren an einem Werk brachen sie zudem die bislang gekannten Regeln des Erzählens auf.
Heute fördern die technischen Möglichkeiten des Internets neue Erzählformen, denn mittlerweile können Bücher ganz ohne das Medium Buch geschrieben und gelesen werden. Aber schafft das Internet wirklich eine völlig neue Erzählform?
Online ist ein Text weder an einen bestimmten Autor, eine Struktur oder ein einziges Medium gebunden: Es wird genutzt, was möglich ist. Mit multimedialen Effekten aus Grafiken, Animationen, vernetzten Inhalten oder Videos haben Autoren heute die Möglichkeit, nicht mehr ausschließlich das bedruckte Stück Papier zu verwenden, um ihre Geschichte zu erzählen. Der Inhalt kann auf andere Webseiten verlinken, interaktive Landkarten einbinden oder auf verschiedenen Webseiten gleichzeitig entstehen.
Als einer der Ersten wagte sich im März 2008 der britische Penguin Verlag an die neue Multimedia-Welt heran und landete einen Volltreffer: Bei dem Pilotprojekt We tell stories schrieben sechs Autoren im Wochentakt exklusive Kurzgeschichten für das Online-Projekt, jeweils mit Bildern und interaktiven Elementen wie Landkarten. Die Seite war ein voller Erfolg. Durch die Präsentation und die Aufbereitung wurden die Inhalte auf neue Art zum Leben erweckt. Der vertraute Computerbildschirm und ein selbst getätigter Mausklick lassen die Lektüre in der Tat wie eine neue Erzählart erscheinen.
Ob die ausschließlich für das WWW konzipierten Texte auch jenseits des Internets die Leser gleichermaßen fasziniert hätten?
Who´s telling the story?
Eine der Geschichten von We tell stories war die Kurzgeschichte 21 Steps des Thrillerautors Charles Cummings. Sie wurde in einer Reihe von Sprechblasen auf einer Landkarte dargestellt, womit sich die rasante Erzählung zu einer geografisch nachvollziehbaren Verfolgungsjagd auf dem Bildschirm wandelte. Fast wie in einem PC-Spiel, doch mischte sich dabei Fiktion sichtbar mit der Wirklichkeit. Eine andere Form wählte in der darauf folgenden Woche Autorenkollege Toby Litt, der in seinem Beitrag Slice die Handlung auf zwei separaten Webseiten in Echtzeit verfasste und veröffentlichte. Er beschrieb einen innerfamiliären Konflikt in Tagebuchform: Auf einer Homepage der fiktiven „Eltern“ und einer der pubertierenden „Tochter“ wurde der Zwist ausgetragen. Für den informierten Leser ungewohnt und spannend war dabei die Verschmelzung von Fiktion und zumindest gefühlter Realität. Da sich die beiden Seiten auf den ersten Blick nicht von normalen Webseiten unterschieden, wären sie für den Unwissenden eine unterhaltende Online-Familienschlacht gewesen.
Die wieder auferlebte „anything goes“-Haltung der Literaturbewegung der 1960er-Jahre bedeutet in ihrer digitalen Interpretation noch mehr als die innovative Darstellung von Erzählungen, denn auch hier wird der Begriff des Autors neu definiert. Heute kann jeder Autor, Lektor und Leser in einer Person werden. Ein Beispiel dafür sind sogenannte „Wikiromane“. Das bekannte Prinzip der Wissensplattform Wikipedia, auf der kollektiv Artikel verfasst werden, findet auch beim Schaffen neuer Geschichten Verwendung. Bei solchen Wikiromanen kann sich jeder Nutzer an der Entwicklung von Inhalten beteiligen.
Auf dieser Wiki-Technologie basierte zum Beispiel das 2007 in Großbritannien gestartete Online-Romanprojekt A Million Penguins. Skeptiker hatten zu Beginn bezweifelt, ob bei der Zusammenarbeit von Autoren sehr unterschiedlichen Niveaus überhaupt mehr hervorzubringen sei als Hautcreme. Doch die Teilnahme von über 1.500 aktiven Autoren bewies zumindest den Erfolg beim Publikum.
Auch in Deutschland ist bereits ein Mitmachroman fertiggestellt worden, wobei das Medienecho deutlich verhaltener ausfiel als in Großbritannien. Bei der Entstehung des Jugendromans „Alles Emma ― oder was?“ wirkten rund 3.500 Jugendliche auf www.hierschreibenwir.de mit. Anders als beim englischen Pilotprojekt wurden hier jedoch dreizehn Teilnehmer ausgesucht, die aktiv an der Entstehung des Textes mitarbeiten durften, der Rest fungierte als Jury und Berater. Zudem war der grobe Handlungsverlauf vorgegeben, wodurch der Rahmen kreativer Möglichkeiten begrenzter war.
Indes sind Literaturwissenschaftler noch unschlüssig, ob das Internet wirklich eine neue Form der Literatur hervorbringt. Hat das Internet wie die Autoren der 1960er-Jahre eigentlich jemals behauptet, das Erzählen revolutionieren zu wollen? Die Idee, Landkarten oder farblich abgehobene Passagen in Texte einzubinden, findet sich bereits in J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ oder Michael Endes „Die unendliche Geschichte“. Heute kann sie aber anders umgesetzt werden: Die neue Art zu erzählen ist interaktiv, global vernetzt und gleichzeitig möglich. Im Grunde sind es die Autoren, die ihre Texte heute mithilfe der technischen Innovationen gestalten und so im Internet eine neue Art des vernetzten Lesens ermöglichen.
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