
Bild: pixelio.de
Trotz der Glitzerfassaden in Shanghai ist China immer noch ein Bauern-Staat, zumindest was die Masse der Bevölkerung angeht. Und da man auf dem Lande viel weniger liest und surft, hinkt China mit relativen Zahlen natürlich noch weit hinterher.
China liest sich schlau
Im Printmarkt dürfte uns China mit etwa 140.000 Titeln und ca. 90.000 Neuerscheinungen im Jahr 2001 inzwischen überrundet haben (siehe Book-Fair). 2005 waren es dann schon 222.000 Titel, während man in Deutschland 2006 auf etwa 94.000 Novitäten kam (Book-Fair). Allerdings hatte China zumindest in der Vergangenheit ein ziemliches Exportleck: es kamen um ein vielfaches mehr Titel rein, als hinaus fanden, und Deutschland profitierte vom Handelsdefizit ganz besonders. Da wird es wohl viele Verlage hierzulande freuen, wenn Sie dem Gastland auf der Buchmesse 2009 wieder diverse Lizenzen verhökern können. Mir würde es anders herum allerdings besser gefallen, wenn man auch mal was von der chinesischen Literaturszene mitbekommt.
China clickt sich durch
Wie wortgefecht.net vor einiger Zeit berichtete, hat China inzwischen auch im Web den Olymp erreicht: Mit 253 Mio Netizens kickte/clickte das Land im Osten allein über die schiere Masse vor kurzem die USA vom Thron, und auch auf die .cn domain stößt man inzwischen häufiger als auf .de. Auch die Größe der Blogger-Szene ist beeindruckend: 47 Mio aktive Blogger nennt Book-Fair, also beinahe jeder 5 Netizen. Keine Frage allerdings, dass sich China auch in Sachen Zensur nicht so leicht vom Treppchen stoßen lässt, und auch von den Bloggern landen nicht wenige im Gefängnis.
Interessanter als die ewigen Superlative: wie vielerorts in Asien sind auch die Chinesen absolute Technik-Freaks und stehen auch den neuen Trends im Publishing scheinbar sehr offen gegenüber.
In China ließt man E
Was hierzulande nur Achselzucken oder Fragezeichen produziert, ist in China inzwischen ein echtes Marktgeschütz: Blooks und andere aus dem Netz gezogene Inhalte machen inzwischen etwa 20 % der Bestseller im Print-Bereich aus. Ich bin mir nicht sicher, ob man hierzulande überhaupt auf 1 % kommt (soweit mir bekannt ist, kümmert sich vor allem Lulu.com verstärkt um die Blook-Szene).
Auch die typisch deutsche Holzhacker-Mentalität scheint den Chinesen fremd zu sein: wie letztens auf fachmedien.net zu lesen war, gehört China zu den Aufhol-Staaten, in denen 70-80% der Leser auf eine Druckversion verzichten könnten. Dazu passt, dass im Mai mit Shanghai-Daily die erste asiatische Zeitung im Kindle abboniert werden konnte, damals insgesamt die 18. Zeitung im Kindle-Repertoire.
Allerdings müssen die Chinesen den Kindle gar nicht mehr importieren, denn sie haben ihr eigenes Modell: den Hanlin V3 (klingt für mich ja irgendwie nach Rakete). Der chinesischer Kindle ist allerdings außerhalb Europas nur schwer zu beziehen ist, hält allerdings einen Vergleich recht gut Stand. Ob China allerdings auch bei der Forschung und Entwicklung der kommenden flexiblen E-Ink-Paper-Generation mithalten kann, bleibt abzuwarten. Soweit ich weiß, produziert E-Ink in China, daher wird sich die Technik wohl nicht lange im eigenen Haus halten lassen.
China ist also Internet-vernarrt und schwingt sich zu neuen Höhen im E-Publishing auf. Und das nicht einmal rein zufällig, sondern wohl auch in Folge des Fünf-Jahres-Plans von 2006, mit dem die Chinesen ihren Print-Sektor auf die digitale Zukunft vorbereiten wollen.
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